Minijobs vor dem Aus? Freizeitwirtschaft warnt vor Folgen für Millionen Beschäftigte und regionale Betriebe
Berlin, 21. September 2026 - Rund 7 Millionen Menschen in Deutschland arbeiten in Minijobs. Für Studierende sind sie beispielsweise der Nebenjob im Freizeitpark, für junge Menschen oftmals der erste Kontakt mit der Arbeitswelt, für Rentnerinnen und Rentner oder viele mit geringem Einkommen eine Möglichkeit, zusätzlich Geld zu verdienen. Für zahlreiche Unternehmen der Freizeitwirtschaft – sei es ein Vergnügungspark, ein Zoo oder ein Bowling-Center – wiederum sind Minijobs ein wichtiger Bestandteil ihrer Personalplanung – insbesondere dort, wo saisonale Spitzen, Wochenenden und Ferienzeiten den Arbeitskräftebedarf bestimmen.
Doch genau dieses Beschäftigungsmodell steht derzeit zur Diskussion. Die Alterssicherungskommission hat am 23. Juni 2026 insgesamt 33 Empfehlungen zur Reform der Alterssicherung vorgelegt. Empfehlung Nummer 26 sieht vor, geringfügige Beschäftigungsverhältnisse künftig ohne Opt-out-Möglichkeit vollständig in die gesetzliche Rentenversicherung einzubeziehen und ihren bisherigen steuer- und sozialversicherungsrechtlichen Sonderstatus abzuschaffen. Ausnahmen sollen lediglich für Schülerinnen und Schüler gelten. Einen Referentenentwurf gibt es bislang nicht.
Für den Verband Deutscher Freizeitparks und Freizeitunternehmen e. V. (VDFU e. V.) ist damit klar: Minijobs sind in Gefahr, der Dialog mit der Politik muss starten. Der VDFU informiert unter www.vdfu.org/minijobs und startet eine bundesweite Postkartenaktion, die angesichts der Wahlen in Sachsen-Anhalt besondere politische Brisanz entfaltet.
„Noch bevor es einen Rentenentwurf gibt, wollen wir frühzeitig auf mögliche Folgen aufmerksam machen. Unser Ziel ist der Dialog, bevor politische Entscheidungen gefallen sind.“
Jürgen Gevers, Geschäftsführer VDFU e. V.
Minijobs sind kein Randphänomen
Rund 7 Millionen Menschen betrifft das Thema bundesweit. Aus Sicht des VDFU e. V. steht deshalb weit mehr auf dem Spiel als eine arbeitsmarktpolitische Detailregelung. Gerade für junge Menschen können Minijobs einen niedrigschwelligen Einstieg in die Arbeitswelt bieten. Studierende finanzieren damit einen Teil ihres Lebensunterhalts, andere Beschäftigte nutzen sie als zusätzlichen Verdienst neben einer Haupttätigkeit. Auch für Menschen, die finanziell nicht ohne einen Nebenverdienst auskommen, können sie eine wichtige Einnahmequelle darstellen. Die Zahl von fast 7 Millionen Betroffenen ist auch deshalb bemerkenswert, weil es sich überwiegend um Wahlberechtigte handelt.
„Wir sprechen über Millionen Menschen. Politische Entscheidungen mit einer derartigen Reichweite entfalten erfahrungsgemäß auch dann Wirkung, wenn sie fachlich gut begründet sind – gerade, wenn sie als Verlust ohne Ausgleich wahrgenommen werden. Deshalb müssen bei einer Reform nicht nur Fragen der sozialen Absicherung, sondern auch die ganz konkreten Lebensrealitäten der Beschäftigten betrachtet werden.“
Jürgen Gevers, Geschäftsführer VDFU e. V.
Freizeitwirtschaft besonders auf flexible Beschäftigung angewiesen
Für die Freizeitwirtschaft kommt ein weiterer Faktor hinzu: Freizeitparks, Zoos, Erlebniswelten, Wasserparks, Seilbahnen und andere Freizeiteinrichtungen haben ihren höchsten Personalbedarf genau dann, wenn andere Menschen frei haben – an Wochenenden, Feiertagen, in den Ferien und während saisonaler Spitzen. Hinzu kommen wetterbedingte Schwankungen der Besucherzahlen.
Die überwiegend mittelständisch geprägten Betriebe im VDFU e. V. erreichen jährlich rund 78 Millionen Gäste, stehen für über 5 Millionen Inlandsurlaube mit Übernachtung sowie rund 150.000 mittelbare und unmittelbare Arbeitsplätze. Besonders in ländlich geprägten Regionen sind Freizeit- und Erlebniseinrichtungen wichtige Arbeitgeber und wirtschaftliche Impulsgeber: Sie sichern Arbeits- und Ausbildungsplätze, schaffen touristische Nachfrage und tragen zur regionalen Wertschöpfung bei.
„Wer die Rahmenbedingungen für Minijobs grundlegend verändert, verändert auch die Personalstruktur einer Branche, deren Arbeitsaufkommen naturgemäß nicht gleichmäßig über das Jahr oder die Woche verteilt ist.“
Jürgen Gevers, Geschäftsführer VDFU e. V.
Bundesweite Postkartenaktion soll politischen Dialog anstoßen
Um Aufmerksamkeit für das Thema zu schaffen, starten der VDFU e. V. unterstützt von mehreren Partnerverbänden eine bundesweite Postkartenaktion. Am Montag, 21. September, sollen die Karten auf den Schreibtischen der Abgeordneten von CDU/CSU und SPD im Deutschen Bundestag landen und mehr als 1.000 Abgeordnete in den Landesparlamenten erreichen.
Die Gestaltung der Postkarte ist bewusst provokant und greift auch das jüngste Wahlergebnis in Sachsen-Anhalt auf – sie soll die Brisanz des Themas Minijobs widerspiegeln. Der VDFU e. V. versteht die Anspielung als zugespitzten Weckruf – verbunden mit einer Einladung zum Gespräch.
„Natürlich ist die Postkarte provokant. Wir wollen gesehen werden. Aber es geht uns nicht um Provokation um ihrer selbst willen. Unser eigentliches Ziel ist der Dialog.“
Jürgen Gevers, Geschäftsführer VDFU e. V.
Der VDFU e. V. warnt davor, mögliche soziale Folgen einer Reform zu unterschätzen. Wenn Menschen das Gefühl haben, dass eine unkomplizierte Möglichkeit zum Zuverdienst wegfällt, während die finanziellen Belastungen im Alltag hoch bleiben und wachsen, kann daraus zusätzliche Frustration entstehen. „Mit Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse wäre es das falsche Signal der Bundesregierung, etablierte Beschäftigungsmodelle ersatzlos zu streichen. Deshalb wollen wir früh miteinander sprechen und nach Lösungen suchen“, so Gevers.
Einladung zum Dialog am 30. September
Die Postkartenaktion soll der Auftakt für den Austausch sein. Der QR-Code auf der Karte führt zu weiterführenden Informationen unter www.vdfu.org/minijobs und zu einer Einladung für einen virtuellen politischen Dialog am 30. September 2026.
Dort möchten der VDFU e. V. und die beteiligten Verbände mit politischen Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträgern über die Bedeutung von Minijobs für Beschäftigte und Unternehmen sprechen und diskutieren, wie die Ziele einer stärkeren sozialen Absicherung mit den besonderen Anforderungen saisonaler und flexibler Beschäftigung vereinbart werden können.
„Wir wollen nicht erst reagieren, wenn ein fertiger Gesetzesentwurf auf dem Tisch liegt. Wir wollen jetzt erklären, was Minijobs in unserer Branche tatsächlich bedeuten: für Studierende, die am Wochenende arbeiten, für jemanden, der sich neben seinem Haupteinkommen etwas dazuverdienen muss, und für einen Freizeitpark, der an einem sonnigen Ferienwochenende kurzfristig deutlich mehr Personal benötigt.“
Jürgen Gevers, Geschäftsführer VDFU e. V.
Weitere Informationen: www.vdfu.org/minijobs